• Heike Gehrmann

From Berlin with Heart

Aktualisiert: 28. Feb 2019

Was macht man mit einer endlos langen, grauen Betonmauer vor der Tür? Ansehen und die Tristesse dieses steinernen Ungetüms akzeptieren? Oder kreativ werden und Abhilfe fürs arg strapazierte Auge schaffen?




Der junge Westberliner Kiddy Citny entschied sich für zweiteres, als er damals eines Nachts im Jahr 1985 zusammen mit dem Franzosen Thierry Noir begann, dem Hunderte Kilometer langen gruselig grauen Betonband farbige Fröhlichkeit einzuhauchen. Was die beiden Freunde schufen, wurde schließlich zu einem international beachteten Kunstwerk. Die Rede ist - Sie haben es längst erkannt - von der Kunst an der unseligen Berliner Mauer, die ab August 1961 Deutschland, Europa, ja die ganze Welt in Ost und West teilte.



Berliner Mauerkunst: Kiddy Citnys Königskinder- und Herzkopfmotive brachten Farbe ins triste Grau.

Der seit 1975 in Berlin West beheimatete Kiddy Citny war so mit der erste, der den „antifaschistischen Schutzwall“ (O-Ton des damaligen SED-Propaganda-Funktionärs Horst Sindermann) auf westlicher Seite als monumentale „Mal-Unterlage“ benutzte. An sich illegal. Aber war das bei der Absurdität dieser Mauer nicht total egal? Dazu Kiddy Citny: "Thierry und ich haben an der Mauer gemalt, um diese unmenschliche Grenze per absurdum zu führen. Wir wollten die Hauptstadt der DDR mit Kunst einschließen und so im Kalten Krieg ein Mahnmal für Frieden und Freiheit schaffen."


Kiddy Citny ist, wie er selbst in einem Interview sagte, der „Dinosaurier der Street Art“ in Deutschland. Ein Graffitikünstler - allerdings zu jener Zeit noch ohne Spraydosen, sondern "klassisch mit Pinseln und Farbe". Citnys und Noirs Beispiel folgten in den 28 Jahren des Mauerbestands diverse andere - oft im Kollektiv. Doch die zirka hundert bemalten Meter Mauer in der Waldemarstraße in Kreuzberg gelten als plakative Premiere der in den 1980er Jahren in Berlin neu entstandenen Kunstrichtung.


Und für Kiddy Citny waren sie sogar Ansporn, die komplette Mauer der Frontstadt Berlin mit seinen markanten Königskinder- und Herzkopfmotiven zu schmücken. Tobte der Kalte Krieg auch drum herum, sollten die Bewohner Westberlins, eingekesselt auf dieser „Insel im Roten Meer“, wenigstens in aufgeschlossene Gesichter blicken!


Nicht nur auf Beton, sondern schließlich auch auf Postkarten, Postern, in Büchern und last but not least auch auf unzähligen Fotos von Touristen, die die Mauerbemalung in die ganze Welt trugen.


Doch dann - wer rechnete 1989 eigentlich noch damit - kam die Wiedervereinigung. Die Berliner Mauer fiel, worüber auch Citny froh war. In Folge wurde der "antifaschistische Schutzwall" - teilweise auch in sehr großen Segmenten - abgetragen. Doch damit fiel auch Kiddy Citnys Mauerkunst.




Eines Tages tauchte sie dann plötzlich wieder auf. In der Zeitung. Unter der Titelzeile: „Berliner Mauersegmente in Monaco zu 4,5 Millionen Französischen Francs versteigert!“ Kiddy Citny sah die Berichterstattung und die Mauersegmente, die seine Motive trugen - und war erst einmal fassungslos.


Was macht man da als Künstler?


Diese Frage beantwortet mir Kiddy Citny, der inzwischen auf Leinwand malt, im Rahmen seiner „West Side Story“-Ausstellung im Potsdamer Kunsthaus Sans Titre persönlich. “Kämpfen“, sagt er. Und wird auf meine Nachfrage hin etwas konkreter: "Durch die Unterstützung des Urheberrechts-Professors Dr. Paul Hertin konnten wir am obersten Gerichtshof in Karlsruhe nach elf Jahren eine angemessene Beteiligung von unserem Rechtsgegner, der Bundesrepublik Deutschland, erzielen."


Recht so! Denn Kunst, egal ob als Bild, Text oder Ton, gehört demjenigen, der sie erschaffen hat - so lange er sein Werk nicht verkauft. Die Richter in den Roten Roben in Karlsruhe - und damit die oberste und letzte Instanz der deutschen Rechtsprechung - sahen das intelligenterweise genauso.


Und so ging auch dieses eher unbekannte Kapitel des Berliner Mauerfalls letztendlich für die Berliner Künstler Kiddy Citny und Thierry Noir doch noch gut aus.




Die Ausstellung „West Side Story“ mit Bildern von Kiddy Citny (www.kiddycitny.com) läuft noch bis 24. Februar 2019 im Potsdamer Kunsthaus Sans titre (www.sans-titre.de).

Der Eintritt ist frei.


Große Mauersegmente mit Kiddy Citny-Motiven stehen unter anderem vor dem MOMA in New York, im Geschäftsviertel La Défense in Paris und vor dem Märkischen Museum in Berlin.


© Heike Gehrmann



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